Detektor

Zebu Kluth über Detektor

Goethe Institut

Tanzszene und Trends in Deutschland

DETEKTOR – Frauke Havemann und Mark Johnson

Von 1993 bis 1997 schuf die Compagnie Detektor in Berlin stilbildende Projekte am Schnittpunkt von Tanz, Schauspiel, Performance und Videokunst. Ein Rückblick.

„Meine Damen und Herren, wir präsentieren Ihnen heute den Tod einer Theater Company. Am 27. September wurde Detektor der Konkurs erklärt.“ Als Detektor die Spielzeit 1996/1997 des Theater am Halleschen Ufer mit ihrer Produktion The Lounge Dialogues eröffneten, war die Gruppe um die Choreografin Frauke Havemann und den US-amerikanischen Autor und Regisseur Mark Johnson auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens und gleichzeitig war The Lounge Dialogues ein Abschiedsstück, das in der letzten großen Produktion den Konkurs und die Auflösung der Gruppe gleich mit thematisierte. Während der Proben zu den Lounge Dialogues (an jenem 27. September 1996) hatte die Berliner Kulturverwaltung entschieden, Detektor nicht mehr zu fördern.

Sie entzog der Truppe so die Arbeitsbasis. Gleichzeitig wandten sich die weiteren Mitglieder der Gruppe verstärkt ihren eigenen Projekten und Karrieren zu. Der in Berlin lebende Franzose Xavier Le Roy hatte mit dem Pianisten des Abends Alexander Birntraum Le KWATT gegründet und Thomas Lehmen und die US-amerikanische Performance-Künstlerin Lindy Annis wandten sich von der Truppe ab. So fassten die Lounge Dialogues noch einmal zusammen, was Detektor ausmachte. So spielerisch Johnson und Havemann auch zu jenem Zeitpunkt auf der künstlerischen Ebene mit dem Ende Detektors kokettierten, die Lounge Dialogues blieben die letzte abendfüllende Produktion. Die Gruppe, die immer mehr ein Netzwerk war, zerfiel. Xavier Le Roy, Thomas Lehmen, Lindy Annis und Frauke Havemann arbeiteten in Berlin weiter an eigenen Projekten, Mark Johnson ging einige Zeit später wieder in die Vereinigten Staaten.

Anti-Unterhaltung in Bild, Text und Bewegung

Eine Grundlage der Ästhetik Detektors war die Kombination von live auf der Bühne performten Elementen und vorgefertigtem, filmischen Material. Aus Bildern, Körpern und Sound schuf die Truppe szenische Abläufe, in denen das Material sich zu einem Bühnenkunstwerk verdichtete. Man wollte kein Stück mehr schaffen im narrativen Sinn, keine Erzählung einer durchgehenden Handlung. Trotzdem verstand sich die Arbeit als politisches oder philosophisches Statement. Tanz erschien selbstbewusst neben Performance, neben Film, Video, Bild, Text.

Im Verlauf der Arbeit verabschiedeten sich Detektor unter dem Einfluss der Schriften Guy Debors und anderer Situationisten von jeder logischen narrativen Struktur. Man durchsetzte die Produktionen mit mehr und mehr Elementen, die einer herkömmlichen und vom Zuschauer erwarteten Unterhaltung entgegen liefen. Willkürliche Brüche und Szenenwechsel, Löcher, Aussetzer, Abwesenheiten durchzogen die Stücke.

Während also die ästhetische Basis Detektors sich immer weiter von herkömmlichen Theaterabenden entfernte, trugen die Performer dazu bei, dass atmosphärisch dichte, abendfüllende Produktionen entstanden. Jeder Mitwirkende war gleichzeitig Teil der sich selbst zerstörenden Bühnenmaschine Detektor und begnadeter Solist.

Die erste Produktion von Mark Johnson und Frauke Havemann, die unter dem Namen Detektor herauskam, war Das Gedächtnis des Wollustgenerators und hatte ihre Premiere 1993 am späteren Theater am Halleschen Ufer. Ebenfalls dort entstand 1993 Muss der Photofreund die pralle Sonne fürchten, eine Performance über eine brutale Geiselnahme. „Detektor zeigen keine Auseinandersetzung mit dem Terrorismus. Begründungen für die Taten sind längst obsolet geworden. Es geht nicht mehr um Ziele, es geht um Präsentation. Die Statements drehen sich größtenteils darum, welches Gruppenmitglied warum liquidiert werden soll…“ (Gerd Hartmann, Zitty, 1993).

1995 entstand mit The Making of Lover`s Report die erste Produktion, an der neben Xavier Le Roy auch Thomas Lehmen teilnahm sowie Sasha Waltz im Video, deren Auftritt aber später gelöscht wurde. Gleich zu Beginn des Abends teilt ein Sprecher dem Publikum mit, dass die Aufführung leider ausfallen müsse. Es sei zu internen Problemen gekommen und statt der Performance würde man nun eine Untersuchung durchführen. Diese Untersuchung verwischte allerdings im Verlauf des Abends jede Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit und am Schluss blieb ein ratloses Publikum zurück.

Die Gesellschaft des Spektakels banalisiert jeden Schrecken.

Hiroshima Melodrama entstand ebenfalls 1995 aus einem kleineren, mit US-amerikanischen Performern in Berlin entstandenen Projekt, unter anderem mit Lindy Annis und Prescilla Be. Die strukturelle Grundidee lag in der Überlagerung eines Radiohörspiels über den Atombombenabwurf auf Hiroshima und einer Tanzperformance. Die Choreografie von Frauke Havemann wurde von ihr selbst, Xavier Le Roy und Annette Klar performt, das Hörspiel von drei US-amerikanischen Schauspielern. Lindy Annis stellte eine Mischung aus Showmaster und Inspizientin dar, Thomas Lehmen einen sich selbst choreografierenden Bühnenarbeiter, der für Requisiten und Szenenübergänge zuständig war.

Die komplexe, vielschichtige Montage aus Musik, Tanz und Text reagierte auf den barbarischen Akt der Zerstörung, für den Hiroshima steht, mit der konsequenten Zerstörung der eigenen Inszenierungsform. Gleichzeitig warf die Inszenierung ein Licht darauf, dass der Mechanismus des Spektakels jede noch so grauenhafte Form des Leidens absorbiert und in Unterhaltung überführt. Mit Hiroshima Melodrama erreichten Detektor ihren künstlerischen Zenit. Die Gruppe war zu einem Netzwerk der für die nächsten Jahre prägendsten Tänzer und Choreografen Berlins geworden. Jeder der Künstler, der mit Detektor gearbeitet hatte, beeinflusste auf seine Art die Gruppe und führte in seiner eigenen Arbeit auch Ansätze von Detektor fort. In kaum einer anderen Compagnie kristallisierten sich die kreative Mischung, der ästhetische Aufbruch und die Internationalität Berlins in den 1990er-Jahren wie in Frauke Havemanns und Mark Johnsons Detektor.